Direkt zum Inhalt

Ein Thema, das mich angeht

Josianne Stange (Deutschland)

Das Gras im Garten ist grün, die Rosen ranken sich die Fassaden hinauf und blühen beinahe provozierend rot. Der Himmel ist blau, weiße Wolken ziehen vorbei, lassen nichts hinter sich, außer vielleicht ab und an einen kleinen Schauer. Vater und Mutter arbeiten, bieten dir ein behütetes Zuhause. Die beste Freundin holt dich zu einer Einkaufstour ab, in allen Schaufenstern prangt das Wort Sommerschlussverkauf. Im Fernsehen schaltest du bei den Nachrichten weiter auf einen Spielfilm, produziert in Hollywood.  

Der Ort, an dem alles möglich ist. Der Ort, an dem du dir wünschst zu sein, denn dort ist mit Sicherheit alles besser als hier, in Deutschland. Wie oft hast du dir das in deinen Träumen vorgestellt: Du wohnst im strahlenden Los Angeles, machst Karriere, wohnst neben reichen, schönen Schauspielern und Sängern.  

 

Aber du bist hier. Vor dem Fernseher, den du umschaltest, weil du den Report über Afrika nicht sehen willst. Weil du die halbverhungerten Kinder nicht sehen willst. 

Weil niemand halbverhungerte Kinder sehen will. 

Und das, was du nicht sehen willst, siehst du auch nicht.  

 

Klimawandel heißt für dich Naturkatastrophe. Klimawandel heißt für dich, es gibt Tsunamis in Südostasien und Erdbeben in Chile. Dinge, die es hier nicht gibt. Dinge, die du nicht kennst. Was du nicht kennst, geht dich nichts an. 

Um das arme menschliche Gewissen zu beruhigen, spendest du fünf Euro. Damit ist die Sache erledigt. Klimawandel, der Wandel des Klimas, der Natur. Für das Verhalten der Natur kann man keine Schuld tragen. Oder? 

 

Was ist mit dem politischen Klimawandel? In Klimawandel steckt das Wort Wandel. Die Welt befindet sich im Wandel. Jeder spricht vom zweiten Weltkrieg, von etwas Vergangenem. Wozu über etwas nachdenken, das es schon lange nicht mehr gibt? Du warst nicht dabei, du hättest natürlich etwas unternommen. Du hättest anders gedacht als die Menschen damals, du hättest anders gehandelt. Du hättest die anderen überzeugt, nicht stumm zuzusehen. 

Doch wozu so viele Gedanken verschwenden? Es wird ohnehin nie wieder so weit kommen, denn die Menschen wissen nun, zu was sie fähig sind. Die Menschen entwickeln sich weiter, niemand würde heutzutage so handeln, wie die Nazis damals. 

 

Die Skin-Heads, die unschuldige Menschen terrorisieren, die gegenüber von deiner Freundin Marie wohnen, hast du wohl vergessen. Oder ist das etwas anderes? Tragen sie nicht die Hakenkreuze auf ihren T-Shirts und waren sie es nicht, die den behinderten Jungen geärgert haben, weil er anders ist als andere Kinder in seinem Alter? Du kennst die Skin-Heads nicht, du hast nichts gesehen, nichts gewusst. Du hast nichts mit ihnen zu schaffen. 

Sind das nicht die gleichen Argumente, die damals die Anwohner vorgebracht haben? Die geleugnet haben, zu wissen, was in ihrer Nachbarschaft vor sich ging? 

Viele sagen, Vergangenes sollte vergangen bleiben. 

Vergangenes geht dich nichts an. 

 

Doch was ist mit dem Krieg, der im Irak und in Syrien tobt? Du siehst die Bilder täglich im Fernsehen, denkst: so etwas passiert hier nicht. Diese Länder sind weit entfernt von Deutschland, wie sollte so ein Streit hierher finden? 

 

Der Herd aller Probleme? Die einzigen, die sich berufen fühlen müssten? Ganz klar: Die Politiker. Schließlich sind sie vom Volk gewählt, um alles besser zu machen. Oder? Sind es nicht vielleicht nur Menschen wie du und ich? Menschen, die Fehler machen. Wie du und ich. Die meisten Menschen, die Fehler machen, suchen diese lieber bei anderen. 

Was ist denn mit dir, wieso tust du nichts gegen das Elend dieser Welt? Engagierst dich nicht für Hilfsorganisationen, interessierst dich nicht für Politik, trennst nicht einmal deinen Müll. Warum nicht? Weil einer allein nichts ausrichten kann. Sagt wer? Derjenige, der nicht aus seiner Komfortzone herauszutreten will, um etwas zu wagen.  

 

Dir geht es hier und jetzt ganz gut. Du hast keine großen Sorgen, dennoch siehst du die anderen auf dieser Welt nicht an. Was geht vor sich? Wie ergeht es den Menschen in Krisengebieten? Du verschwendest keinen Gedanken daran, denn diese Menschen sind nicht hier. Du siehst sie nicht, also gehen sie dich nichts an. Existieren sie überhaupt? 

Dass im Nachbardorf Demonstrationen aufgezogen werden, siehst du nicht einmal, hörst nichts davon, weißt nicht, wovon sie handeln und wer beteiligt ist. 

 

Das Wetter spielt verrückt, Stürme zerstören deine Nachbarhäuser, heftige Regengüsse setzen deinen Keller und die Straße, in der du wohnst, unter Wasser. Nichts Ungewöhnliches heutzutage, denkst du. Klimawandel betrifft ebenso deine Nachbarn und auch die kümmern sich nicht um irgendetwas. Wieso solltest du es also? Du nimmst das Wüten der Natur einfach hin, bis jetzt bist du vor dem Schlimmsten, dem Tod, immer verschont geblieben. Er hat dich in keiner Weise berührt. Wieso sollte sich das ändern?  

Du kennst den Tod nicht, hast ihn nie gesehen, hast nie mit ihm gehadert. Der Tod geht dich nichts an.

Die Welt, das Geschehen, das Leben sind immerzu im Wandel. Von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern.

Deine kleine Schwester kommt aus der Grundschule, ist allein unterwegs, gerät versehentlich in das Epizentrum der Demonstration im Nachbardorf. Die Demonstranten sind bewaffnet, wissen sich nicht mehr anders zu helfen, werden ja doch nie angehört. 

All das siehst du nicht, denn du glaubst, es geht dich nichts an.

Du bekommst einen Anruf von der Polizei. Deine Nummer war als Notfallnummer im Handy deiner Schwester eingespeichert. Es tut ihnen sehr Leid, jede Hilfe kam zu spät. Hilfe für was? Hilfe von wem? Niemand sah sich dazu angehalten, sie aus der Menge zu befördern. Sie ging niemanden etwas an. 

Warum nur, geht heutzutage niemanden mehr irgendetwas an? 

Diese Frage stellst du dir nun. Zu spät. Die Trauer, die du jetzt spürst, spürst nur du. Du fühlst dich allein. Deine Glieder sind vor Wut, Trauer und Hilflosigkeit wie gelähmt. Du denkst: Das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann. Warum ausgerechnet du? Warum hat niemand etwas unternommen? Du fragst dich, was das ist, was dieses Gefühl ist, das dir Atem, Schlaf und Seele raubt. 

Das ist das Gefühl, das du bekommst, wenn du es endlich erkennst.  

Es geht dich eben doch etwas an. 

Unsere Förderer