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Vor der Haustür die Welt: Wandel wahrnehmen - lokal und global

Susanne Brandt, Deutschland

Januar 2020:

Ein milder Januartag. Ich bin unterwegs zum Bäcker. Am Rand des Weges recken sich erste Frühblüher der Sonne entgegen. Der Winter im Norden war nahezu schneefrei. Nur an ganz wenigen Tagen hat das Thermometer Frostgrade angezeigt.

Ein Kind fragt: „Warum gibt es so wenig Schnee?“

 

März 2020

Waldspaziergangswetter! Bei uns in Flensburg, wo vorrangig naturnahe Waldwirtschaft betrieben wird, ist das ein Fest für die Sinne mit Vogelgesang und ersten Knospen in einer dichten Mischung aus Laub- und Nadelbäumen. Wir nehmen das feuchte Waldinnenklima wahr und staunen über das vielfältige Leben, das rund um das sogenannte „Totholz“ entsteht.

Die Medien zeigen andere Bilder aus benachbarten Regionen: Vor allem dort, wo überwiegend Fichtenbestände angelegt worden sind, halten die Bäume den veränderten Klimaverhältnissen kaum mehr stand. Vermehrte Trockenheit und Hitze haben die Bäume geschwächt und anfällig gemacht für Schädlingsbefall.

Wald und Klimawandel – das ist ein vielschichtiges Thema, das uns überall vor Augen steht: mit seinen Chancen wie mit seinen Gefährdungen und Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte. Vor Augen stehen uns die Folgen von längeren Prozessen. Schnell verfügbare Erträge und sofort wirksame Lösungen kann es hier nicht geben. Aber langsam wachsende Veränderungen schon! Denn nur diese lassen natürliche und ungestörte Entwicklungen zu, die den Wald in die Lage versetzten, mir den Klimaveränderungen in Zukunft besser zurecht zu kommen. Verantwortung für Klima und Ressourcen bedeutet hier: Zeit schenken und wachsen lassen.

Ein Kind fragt: „Darf man überhaupt noch malen, wenn für Papier Wälder abgeholzt werden?

 

April 2020:

Die Regentonne im Garten ist leer. Ganz ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Kein Aprilwetter. Ohne die sonst üblichen Regentage und Schauer stellen sich schon Frühsommergefühle ein. Wir genießen die Stunden im Freien. Gerade jetzt zur Corona-Zeit. Aber wir sehen auch, wie die gerade aufblühende Natur nach Feuchtigkeit lechzt.

Ein Kind fragt: „Was ist, wenn das Wasser alle ist?

 

Drei Erfahrungen vor der eigenen Haustür - drei Kinderfragen.

Beispiele für viele Erfahrungen und viele Fragen, mit denen wir uns in den Bibliotheken von Schleswig-Holstein seit einigen Jahren auf vielfältige Weise beschäftigen. Warum gerade in Bibliotheken? Weil Bibliotheken Orte sind, an denen Fragen zur Sprache und Erfahrungen in einen vielfältigen Austausch gebracht werden können. Dabei lernen wir alle gemeinsam dazu - für die nächsten Entscheidungen und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Auch in Sachen Klimawandel.

https://www.biblio2030.de/buechereizentrale-schleswig-holstein-am-anfang-war-ein-weisses-blatt/

 

Wenn Kinder fragen, dann zeigen sie uns zugleich, wie sie die Welt wahrnehmen. Sie haben ein feines Gespür für Veränderungen in der vertrauten Umgebung. Sie machen sich Gedanken über Dinge, die sie bereits wissen und versuchen diese zur erfahrbaren Umwelt in Beziehung zu setzen. Und sie brauchen keine einfachen Antworten und Erklärungen, sondern Geschichten, Bücher und Begegnungen zum Weiterdenken.

Entsprechend setzt sich das Tagebuch fort:

 

Mai 2020:

Noch sind viele Bildungs- und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Aber als Familie nach draußen gehen, die Umwelt mit allem, was kostbar und verletzlich ist, wahrnehmen und wertschätzen - das geht!  "Vor der Haustür die Welt…" - so lautet die Zusage und Ermutigung, die auch Bibliotheken während der Schließzeit geben können. Eine Ideensammlung für Aktivitäten und Beobachtungen im Freien unterstützt diesen Schritt vom „Zuhause bleiben“ hinaus vor die Tür - mit Umsicht und Entdeckerlust.

 

Juni 2020:

Eine weitere Erfahrung dieser Tage: Corona ist eine Herausforderung für alle Länder der Welt. Und der Klimawandel ebenso. Wir haben die Zeit der geschlossenen Bibliotheken genutzt, um uns mit Kolleginnen und Engagierten aus anderen Teilen der Welt dazu auszutauschen. Wir haben Frauen aus Ghana gebeten, zu den Fragen der Kinder bei uns mögliche Antworten aus ihrer Perspektive zu geben - und wir haben Post bekommen: Briefe für die Zukunft!

http://www.bz-sh-medienvermittlung.de/briefe-fuer-die-zukunft-neue-ideen-zu-kinderfragen-aus-schleswig-holstein/

Ein Resümee:

Durch die Briefe erfahren wir, wie und warum die Wälder nicht nur bei uns, sondern ebenso in Ghana wichtig, aber auch gefährdet sind unter dem Einfluss der Klimaveränderungen. Wir lernen etwas über Wasserversorgung und veränderte Niederschlagsmuster in anderen Teilen der Welt – vor dem Hintergrund der eigenen Beobachtungen und Fragen rund um das Thema Wasser bei uns. Und wir lesen ein afrikanisches Märchen über die Kraft der Solidarität.

Dabei merken wir:

Die Fragen der Kinder zu den erfahrbaren Klimaveränderungen vor der eigenen Haustür werden auch in anderen Teilen der Welt verstanden - und können so vor dem Hintergrund der  Beobachtungen vor Ort den Austausch zu gemeinsamen globalen Anliegen in Gang bringen.

Sollen Kinder so zu kleinen Weltrettern oder Klimahelden werden? Nein, Kinder bleiben Kinder. Ihr besonderes Talent zeigt sich im Fragen stellen, im genauen Beobachten und Entdecken. Dafür brauchen sie unseren Respekt und unsere Bereitschaft, ihnen zuzuhören und zusammen mit ihnen von und in der Umwelt zu lernen.

Wandel wahrnehmen - das beginnt vor der eigenen Haustür. Aber erst, wenn sich dabei auch der Blick für globale Zusammenhänge öffnet, wächst nach und nach das Verständnis für die gemeinsame Verantwortung - und die Motivation für solidarisches Engagement.

 

Susanne Brandt, Büchereizentrale Schleswig-Holstein / www.nachhaltig-erzählen.de

 

January 2020:

A mild January day. I'm on my way to the bakery. At the edge of the path, the first early bloomers stretch out towards the sun. The winter in the north was almost snow-free. The thermometer has only showed degrees of frost on a few days.

A child asks: "Why is there such little snow?"

 

March 2020

Forest walk weather! Here in Flensburg, where primarily natural forest management is practiced, it is a feast for the senses with birdsong and the first buds in a dense mixture of deciduous and coniferous trees. We perceive the damp climate of the forest and we marvel at the diverse life that arises around the so-called “dead wood”. The media show other pictures from neighboring regions: Especially where spruce plantation have been created, the trees can hardly withstand the changing climatic conditions. Increased drought and heat have weakened the trees and have made them susceptible to pests.

Forest and climate change - this is a complex topic that is in front of us everywhere: with its opportunities as well as with its threats and wrong decisions in recent decades. We are aware of the consequences of longer processes. There cannot be quickly available yields and immediately effective solutions. But slowly growing changes already! Because only these allow natural and undisturbed developments that enable the forest to cope better with climate changes in the future. Responsibility for climate and resources means here: give time and let it grow.

One child asks: “Can you still paint when forests are being cut down for paper?

 

April 2020

The rain barrel in the garden is empty. Quite unusual for this time of year. No April weather. Without the usual rainy days, early summer feelings can be felt. We enjoy the hours outdoors. Especially during the Corona time. But we also see the nature that is just blooming longing for moisture.

A child asks: "What if the water is all gone?

Three experiences at your own doorstep - three children's questions.

Examples of many experiences and many questions that we have been dealing with in various ways in the Schleswig-Holstein libraries for several years. Why in libraries? Because libraries are places where questions about language and experiences can be brought into a diverse exchange. We all learn together - for the next decisions and participation opportunities. Also when it comes to climate change.

https://www.biblio2030.de/buechereizentrale-schleswig-holstein-am-anfang-war-ein-weisses-blatt/

 

May 2020:

Many educational and leisure facilities are still closed. But going outside as a family, perceiving and appreciating the environment with everything that is precious and vulnerable - that is possible! "The world on your doorstep ..." - that is the promise and encouragement that libraries can give during the closing time. A collection of ideas for outdoor activities and observations supports this step from “staying at home” to the door - with care and a desire for discovery.

 

June 2020:

Another experience these days: Corona is a challenge for all countries in the world. And climate change as well. We used the time of the closed libraries to exchange ideas with colleagues from other parts of the world. We asked women from Ghana to give us possible answers from their perspective to the children's questions - and we got mail: Letters for the future!

http://www.bz-sh-medienvermittlung.de/briefe-fuer-die-zukunft-neue-ideen-zu-kinderfragen-aus-schleswig-holstein/

 

 

A summary:

With the letters we learn how and why the forests are important not only for us, but also in Ghana, but they are also endangered under the influence of climate change. We learn something about water supply and changing precipitation patterns in other parts of the world - against the background of our own observations and questions about the topic water. And we read an African fairy tale about the power of solidarity.

We notice:

The children's questions about experiencing climate changes on their own doorstep are also understood in other parts of the world - and thus, they can initiate the exchange of common global issues against the background of on-site observations.

Should children become little saviours of the world or climate heroes? No, children remain children. Their special talent is shown in asking questions, in observing and discovering exactly. For this they need our respect and our willingness to listen to them and to learn from and in the environment with them.

Perceive change - it starts at your own doorstep. But only when the eye for global connections opens up, the understanding of shared responsibility gradually increase - and the motivation for solidarity.

 

Susanne Brandt, Schleswig-Holstein Library Center / www.nachhaltig-erzählen.de


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